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Vom Tragen und Getragenwerden
Dr. Evelin Kirkilionis, Verhaltensbiologin
„Immer habe ich mein Baby in einer Hand oder gar in beiden. Ich komme fast zu nichts!"
Ein Stoßseufzer so mancher Mutter, die neben der Säuglingsbetreuung auch noch andere Aufgaben zu bewältigen hat. Obwohl anscheinend alles für das körperliche Wohlbefinden der Kleinen getan wurde, beginnen sie unruhig zu werden oder gar zu schreien, sobald man sich entfernt. Das, was in unserer Stammesgeschichte überlebenswichtige Notwendigkeit war, wird heute gegebenenfalls zur Belastung oder als Anspruch empfunden: das beständige Verlangen nach Nähe.
Um dieses Bedürfnis nachvollziehen zu können, müssen wir uns auf unsere Stammesgeschichte besinnen. Fast während unserer gesamten, mehrere Millionen Jahre währenden menschlichen Stammesgeschichte war es aufgrund der nomadischen Lebensweise nötig, Säuglinge stets mitzunehmen. Das galt schon für unsere nicht-menschlichen Vorfahren. Den Nachwuchs zu tragen ist also ein viele Millionen Jahre altes Erbe.
Erst vor 10.000 Jahren begannen Menschen sesshaft zu werden. Seitdem besteht die Möglichkeit, Kinder an einem sicheren Ort zurückzulassen. Das ist jedoch ein viel zu kurzer Zeitraum für Veränderungen biologisch (genetisch) verankerter Anpassungen. Auch heute noch kennen wir nomadisch oder halbnomadisch lebende Kulturen, für die das Mitnehmen der Kinder eine Notwendigkeit ist.
Über alle Sinne bestätigte Nähe
Ein Säugling ist also angeborenermaßen nach wie vor daran angepasst, ständig in direkter Nähe einer seiner Betreuungspersonen zu sein, am besten im engen Körperkontakt. Wenn er dabei noch hin- und herbewegt wird durch den wiegenden Schritt der Mutter, so wird deren Nähe über fast alle Sinne bestätigt und damit das so wichtige Geborgenheitsgefühl vermittelt.
Irgendwo allein niedergelegt zu sein, ohne die Anwesenheit einer Betreuungsperson wahrnehmen zu können, bedeutet für einen Säugling hingegen in Erinnerung an unsere stammesgeschichtlichen Gegebenheiten, dass er verlassen ist, also in Gefahr. Kein Wunder also, dass er unruhig wird und zu schreien beginnt. Er fühlt sich allein gelassen.
Wird er jedoch getragen, kann er beruhigt vom erhöhten Platz aus am Körper der Mutter Interessantes in der Umgebung begutachten oder ihre Aktivitäten beobachten. Die Augen dürfen aber auch zufallen, wenn es für den Moment genug ist. Die Mutter kann auch bei einem sehr liebesbedürftigen Kind oder wenn seine kleine Welt einmal Kopf steht noch anderen Aufgaben nachgehen als dem Beschäftigen und Beruhigen des Kindes.
Nicht zu vergessen: Manche Situationen und Wege sind ohne Kinderwagen besser zu meistern, beispielsweise Treppen, Bustüren, Aufzüge, Gehweghindernisse oder Menschengedränge. So haben im praktischen Alltag beide Seiten – Eltern und Kind – etwas vom Tragen. Voraussetzung dafür ist, dass die Eltern bereit dazu sind, sich ihr Kind umzubinden, und dass sie die körperliche Nähe nicht als zu intensiv empfinden. Wir sind eine eher körperdistanzierte Kultur. Es ist nicht selbstverständlich für alle Eltern, längerfristig eine so intensive und enge Körpernähe zuzulassen.
Die Eltern-Kind-Bindung beim Tragen
Eltern heben immer wieder hervor, dass sie durch das Tragen ihr Kind viel besser einschätzen können. Sie wissen aufgrund der körperlichen Nähe früher, ob ihr Baby beispielsweise gleich aufwachen wird, Hunger bekommt, ein Windelwechsel nötig wird oder ob es irgendetwas anderes plagt. Mütter können dann, wenn sie unterwegs sind, schon einen geeigneten Platz zum Stillen ansteuern, bevor das Hungergefühl in eine ausgeprägte Schreiphase ausartet, aus der das Kleine nicht so einfach wieder herausgeholt werden kann.
Dabei geht es nicht einfach nur um die prompte Befriedigung kindlicher Bedürfnisse und das Reduzieren von Schreiphasen. Es hat auch etwas mit der Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung und dem elterlichen Kompetenzgefühl zu tun. Mütter oder Väter, die normalerweise spüren, was gerade mit ihrem Kleinen los ist, fühlen sich durch diese vorausschauende Handlungsmöglichkeit sicherer im Umgang mit ihm. Sie nehmen sich so als jemanden wahr, der den Wechsel zur Elternschaft gut gemeistert hat, und fühlen sich bestätigt in ihrer neuen Rolle.
Dieses feinfühlige und kompetente Eingehen auf die Signale und Bedürfnisse eines Säuglings ist eine wichtige Komponente, die die Qualität der Bindungsbeziehung zwischen Eltern und Kind bestimmt. Sie ist abhängig von der frühzeitigen Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse und Signale, deren richtiger Interpretation und der prompten, angepassten Reaktion darauf. Durch die körperliche Nähe sind Eltern hierzu eher in der Lage und können somit feinfühliger auf ihre Babys reagieren.
Das gilt nicht nur für die Zeit, in der das Kleine gerade getragen wird: Es stellte sich heraus, dass durch das Tragen die Bereitschaft der Eltern, auf ihr Kind einzugehen, und ihre Sensibilität für die kindlichen Signale unterstützt und verbessert werden. Ihr Baby zu tragen hat also einen positiven Effekt auf die elterlichen Fähigkeiten.
Entwicklung der Hüftgelenke
Zum Thema Tragen gehört auch die Hüftdysplasie. Werden Säuglinge in aufrechter Sitzhaltung mit stark angehockten Beinchen getragen, kommt dies der gesunden Entwicklung der Hüftgelenke entgegen. Messungen der Beinstellung während des Getragenwerdens im seitlichen Hüftsitz ergaben Werte, die einer idealen Orientierung von Oberschenkelkopf zur Hüftgelenkpfanne entsprechen. Voraussetzung dafür ist, dass die richtigen Tragetechniken angewandt werden.
Für eine hüftgesunde Trageweise gelten zwei Richtwerte:
- Die Oberschenkel des Babys sollten mehr als 90 Grad angehockt sein.
- Der Winkel zwischen den Beinchen liegt dann bei etwa 45 Grad je Seite (in der medizinischen Literatur wird meist der halbe Wert angegeben, der Winkel von Oberschenkel zu Oberschenkel beträgt tatsächlich durchschnittlich 90 Grad).
Dieser Wert gilt in der medizinischen Literatur als günstig für die gesunde Entwicklung der kindlichen Hüftgelenke im Säuglingsalter. Sein Kind so zu tragen, beugt demnach einer Hüftdysplasie vor. Ohne Hilfsmittel ist der Sitz auf der Hüfte sicherlich der einfachste, da sich selbst kleine Babys bereits aktiv daran beteiligen: Hebt man sie hoch, ziehen sie die Beinchen an, sodass sie ohne Probleme auf die Hüfte gesetzt werden können. Sitzen sie einmal, werden bei überraschenden Bewegungen der Mutter sofort die Beinchen fester angepresst und der Sitz aktiv stabilisiert.
Bei Verwendung von Tragehilfen kann das Baby auch frontal oder auf dem Rücken in der richtigen Körperhaltung getragen werden, kann dann aber nicht wie im seitlichen Hüftsitz den Körper der Mutter umfassen. Wichtig ist auch hier, dass die Beinchen mehr als 90 Grad angehockt sind, besonders bei ganz Kleinen, um eine zu starke Spreizstellung zu verhindern.
Ein Unterschied zum seitlichen Hüftsitz bleibt: Dort übertragen sich bei jedem Schritt und jeder Bewegung des Erwachsenen beständig Bewegungsreize auf die kindlichen Beinchen und damit auf die Hüftgelenke, da das Kind den Körper des Tragenden umfasst. Diese Reize stimulieren die Durchblutung in den noch knorpeligen Hüftgelenkstrukturen, was die gesunde Ausreifung zusätzlich fördert. Bei frontaler Tragemethode sind diese Bewegungsreize geringer, doch die Körperhaltung des Säuglings ist trotzdem adäquat und fördert ebenfalls die gesunde Ausreifung der Hüftgelenke.
Ohne Risiken und Nebenwirkungen
Hinter der immer wieder gestellten Frage, ab wann man sein Kind sitzend in ein Tuch einbinden kann, verbergen sich die Ängste der Eltern, durch ein frühzeitiges aufrechtes Tragen der Wirbelsäule der Kleinen zu schaden. Will man einer Hüftdysplasie vorbeugen, muss jedoch früh mit dem aufrechten Tragen begonnen werden, möglichst schon in den ersten Lebenswochen.
Von verschiedener Seite wird immer wieder vorgebracht, dass das aufrechte Tragen die Wirbelsäule des Kindes überlasten würde. Schließlich könne es ja erst deutlich später selbstständig sitzen. Untersuchungen zeigten jedoch, dass bei im Säuglingsalter getragenen Kindern, auch bei einem Start in den ersten Lebenswochen, kein erhöhter Anteil an Haltungsauffälligkeiten im Rückenbereich zu verzeichnen war.
Auch die immer wieder angeführten Atembeschwerden oder Befürchtungen einer schlechten Sauerstoffversorgung gehören in den Bereich der Legenden. Das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass das Kind richtig getragen wird. Fällt das Baby in sich zusammen, weil es zu locker eingebunden ist, wird es tatsächlich nicht frei atmen können. Aber: Wäre die Sauerstoffversorgung problematisch, würde ein Säugling sein Gesichtchen nicht immer wieder zum Körper der Mutter hin orientieren und das Näschen nicht tief in ihre Kleidung versenken. Selbst wenn die Mutter das Köpfchen immer wieder zur Seite zu bewegen versucht, um die Atemwege frei zu halten, wendet das Kleine sein Gesicht meist sofort wieder zurück und kuschelt sich erneut an.
Die richtige Methode finden
Schließlich stellt sich die konkrete Frage: Wie sieht die richtige Haltung eines Säuglings aus? Zwei Punkte sind dabei die Meilensteine einer richtigen Trageweise, unabhängig davon, ob ein Tragetuch oder ein Tragesack verwendet wird:
- Angehockte Beinchen: Die Oberschenkel sollten mindestens im rechten Winkel angezogen sein, bei ganz Kleinen besser noch stärker angehockt. Befindet sich das Windelpaket unterhalb der Kniebeuge, kann man eigentlich nichts falsch machen.
- Unterstützter, aufgerichteter Rücken: Das Tuch oder der Tragesack muss den Rücken des Säuglings so eng umschließen, dass sich das Kind, angelehnt an den Körper des Tragenden, aufrichtet. Der Rücken ist dabei gerade oder leicht abgerundet. Die Wirbelsäule eines Säuglings weist noch nicht die charakteristische S-Form wie die eines Erwachsenen auf, vor allem nicht das erwachsenentypische Hohlkreuz.
Ist stattdessen ein Hohlkreuz zu beobachten, wurde das Tragetuch nicht richtig gebunden oder ein ungeeigneter Tragebeutel ausgesucht. Diese ungünstige Rückenhaltung ist meist mit herabhängenden Beinchen verbunden: Die Oberschenkel sind dann in den Hüftgelenken gestreckt, das Baby muss durch ein Abkippen des Beckens auf diese unphysiologische Streckhaltung reagieren. Das Hohlkreuz führt auch zu einem Zurückfallen der Schultern. Insgesamt also das Gegenteil einer Haltung, bei der die Schultern leicht nach vorn geneigt sind, ein kleiner Rundrücken zu sehen ist und die Beinchen angezogen sind.
Anforderungen an Tragesäcke und Tücher
Leider verursachen viele Tragesäcke aufgrund ihrer Konstruktion die falsche Körperhaltung des Babys: Die Aussparungen für die Beinchen sind häufig so orientiert, dass sie herunterhängen müssen, oder der Steg zwischen den Oberschenkeln ist zu schmal. Um die Eignung eines Tragesackes zu beurteilen, genügt es, sich an die beiden oben genannten Kriterien zu erinnern. Zusätzlich sollte auch das Köpfchen ausreichend abgestützt sein, und nichts sollte einschneiden.
Bisher wurden nur aufrechte Trageweisen vorgestellt. Viele Mütter fühlen sich damit von Anfang an ausgesprochen wohl: „So umgebunden, da fühle ich mich noch wie ein kleines bisschen schwanger." Manche können sich jedoch mit einer frühzeitigen aufrechten Trageweise nicht anfreunden, auch wenn sie sich intensiven Körperkontakt wünschen. Auch im Liegen wird dem Kind Nähe und Geborgenheit vermittelt. Mit einem Tragetuch kann man zwischen liegenden und verschiedenen sitzenden Möglichkeiten wählen. Tragesäcke oder -beutel sehen dagegen überwiegend eine aufrechte Haltung vor; einige lassen auch die Wiegeposition zu, sind dann aber manchmal nicht optimal, wenn man später zur sitzenden Trageweise übergehen will.
Die Auswahl an Produkten ist in den letzten Jahren immer größer geworden, sowohl bei Tragetüchern als auch bei anderen Tragehilfen. Um das Richtige zu finden, hilft das Ausprobieren mit dem eigenen Kind. Ein Blick in den Spiegel gibt meist sofort Aufschluss darüber, ob man etwas Geeignetes gefunden hat. Bei Tragetüchern ist eine Beurteilung etwas schwieriger; auch hier hilft das Ausprobieren im direkten Vergleich. Als grobe Richtschnur gilt: Je aufwendiger die Webtechnik, desto besser ist ein Tuch im Allgemeinen im Gebrauch.
Ausgeglichen und neugierig
Tragen kommt den Grundbedürfnissen eines Säuglings nach Nähe einer Bezugsperson entgegen. Auch Eltern kommen auf ihre Kosten, sei es, dass sie die Nähe ihres Kindes genießen und einen besseren Zugang zu ihrem Baby haben, sei es, dass sie sich mehr Handlungsfreiheit schaffen. Manchmal ist es auch eine Art Überlebensstrategie: „Mir blieb einfach nichts anderes übrig: Hausbau, der Große, der ein bisschen eifersüchtig war und wieder sehr anhänglich wurde, die ganz alltäglichen Dinge im Haushalt. Den Kleinen umzubinden war das Einfachste, der hat einfach alles auf meinem Rücken mitgemacht."
Babys, die von der erhöhten Position am Körper der Mutter alles um sich herum beobachten können, kennen keine Langeweile, obwohl sie nicht im Zentrum des Interesses stehen. Denn ihnen wird viel geboten. Sie können ihr Interesse der Umgebung oder der Mutter zuwenden. Wenn es ihnen zu viel wird, können sie das Köpfchen zur Mutter drehen, um abzuschalten – dazu sind schon ganz Kleine fähig.
Die aufrechte Haltung befreit von der Aufgabe, das Köpfchen anzuheben und zu stabilisieren, da es am Körper der Mutter anlehnt und vom Tuch gestützt wird. Untersuchungen zeigen, dass Säuglinge dann bereits motorische Fertigkeiten zeigen, die normalerweise erst Wochen später erwartet werden. Man beobachtete auch, dass Säuglinge in aufrechter Körperhaltung eher wach, aufmerksam und an der Umgebung interessiert sind.
Und noch etwas stellte sich heraus
Getragene Kinder schrien weniger als andere und ersetzten diese Zeit quasi durch eine aufmerksame, wache Phase. Sie haben also mehr Möglichkeiten, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten, sie neugierig zu erkunden und soziale Erfahrungen zu machen.
Dr. Evelin Kirkilionis ist Humanethologin und Mitbegründerin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf frühkindlicher Entwicklung und dem Transfer der Erkenntnisse in die Praxis.
Mit Frau Dr. Kirkilionis sind wir seit ihrer Promotion im Austausch. Sie leitet Workshops, Fortbildungen und hält Vorträge. Wegen ihrer großen Expertise ist sie nicht nur in Fachkreisen als Expertin rund um das Tragen von Babys und Kleinkindern eine gefragte Stimme.
Ihr Buch „Ein Baby will getragen sein", erschienen bei Kösel, ist bereits in mehreren Auflagen erschienen und gibt Eltern oder solchen, die es werden wollen, einen guten Überblick über die Vorteile des Tragens.