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Diskussionsbemerkung zum Tragen
von Säuglingen und Kleinkindern
Dr. Eckhard Bonnet, Facharzt für Kinderheilkunde
Die Tragehilfen-Gegner warnen stereotyp vor Wirbelsäulenschäden, Stauchungen des
Körpers und Luftmangel beim Tragen. Diese Befürchtungen, für die nie Beweise vorgelegt
werden konnten, sind unangebracht.
Die Gesamtentwicklung der getragenen Säuglinge wird positiv gefördert.
Vorteile einer korrekten Tragehilfe sind:
- Das Kind fühlt die Körperwärme der Mutter/des Vaters,
- es spürt ihren/seinen Herzschlag,
- es riecht den Körpergeruch,
- es fühlt und hört (mit dem Ohr auf der Brust des Tragenden) die Stimme,
- es ist ganz umhüllt und fühlt sich deshalb geborgen,
- es kann gut aufstoßen (ohne auszuschütten),
- seine Verdauung wird angeregt (“Bauchmassage”) und
- es kann seinen Stuhl besser absetzen.
Beim Gehen (Spaziergang) und bei der Arbeit (Feld- oder Gartenarbeit) sind die Bewegungs-
abläufe immer rhythmisch. Dies führt nach einiger Zeit dazu, daß die Atemfrequenz, die
Schrittfolge und der Herzschlag des Tragenden in ganzzahligen Verhältnissen zueinander
stehen (Erkenntnisse aus der Sportmedizin). Dies bewirkt beim Tragenden eine Harmonie im
psychovegetativen Bereich.
Das getragene Kind riecht das (ein entspannter Mensch riecht anders) und spürt das. Durch
das rhythmische Bewegtwerden entspannt sich das Kind ebenfalls und kann z. B. besser
einschlafen, besser verdauen. Die Akupressurpunkte gegen Verdauungs- und Schlafstörun-
gen am Bauch und an den Unterschenkelinnenseiten werden automatisch massiert.
Durch die Tragehilfe wird der Körper des Kindes gleichmäßig abgestützt.
Dieses Tragen hat Ähnlichkeit mit dem “Tragen” in der Gebärmutter (Umhüllung, Geborgen-
heit, Wärme etc.). Nichts ist zu eng, nichts ist zu weit. Genau so wenig, wie das Laufen der
Mutter während der Schwangerschaft sich in irgend einer Weise nachteilig auf die Wirbelsäu-
le des Kindes auswirkt, wirkt sich das Laufen mit Tragetuch nachteilig auf die Wirbelsäule
des Kindes aus. Wer das Gegenteil behauptet, müßte den Kindern auch das Gehen, Laufen,
Springen, Hüpfen und Tanzen verbieten, denn dies alles bedeutet ständige “Schläge” in die
Wirbelsäule. Ganz im Gegenteil: Durch das gleichmäßige Be- und Entlasten der Wirbelsäulen- und Hüftgelenke entsteht ein optimaler Wachstumsreiz. Wir haben noch kein gesundes, von Anfang an
getragenes Kind gesehen, welches eine Hüftdysplasie oder eine Skoliose entwickelt hätte.
Wir haben aber viele reine “Kinderwagenkinder” (Rückenlieger) gesehen mit verformtem Schä-
del (seitlich-hinten abgeflacht), mit verformtem Körper, mit Hüftdysplasie und “Bauchlieger” mit
Froschstellung der Beine und Füße. Außerdem sind die “Bauchlieger” vermehrt gefährdet durch
schlechte Luft am tiefsten Punkt des Kinderwagens und durch Wärmestau, da die Handflä-
chen und das Gesicht kaum Verdunstungskälte durch Schwitzen erzeugen können.
Bewegung der Mutter fördert die Entwicklung des Kindes
Wenn eine Frau in der Schwangerschaft lange liegen mußte, hat dies – wie Entwicklungsneu-
rologen festgestellt haben – negative Auswirkungen auf die Gesamtentwicklung ihres Kin-
des. Umgekehrt hat das Kind einer Mutter, die sich in der Schwangerschaft täglich bewegt hat,
deutliche Entwicklungsvorsprünge. Ebenso ist es beim getragenen = gehaltenen Kind und beim nicht getragenen = “ungehaltenen” Kind. Das getragene Kind hat einen besseren körperlichen Halt (statomotorische Entwicklung, vestibuläre Fähigkeiten = Gleichgewicht, Skelett samt Knorpel, Sehnen und Bindegewebe), einen besseren nervlichen Halt (Koordination, Tiefensensibilität, sensorische Wahrnehmung und Verarbeitung), einen besseren psychischen Halt (Selbstbewußtsein, Frustrationstoleranz, Urvertrauen, Kreativität) und einen besseren sozialen Halt (Integrationsfähigkeit). Begegnet mir ein 1,5- bis 2jähriges Kind zum ersten Mal, so kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, ob das Kind im ersten Lebensjahr getragen wurde oder nicht.
Auch psychologische Aspekte müssen beim Pro und Kontra bedacht werden:
- Das Kind im Tragetuch ist mir “nah”.
- Das Kind im Kinderwagen ist mir “fern”.
- Bei den Befürwortern der Tragehilfen überwiegen die Frauen.
- Bei den Gegnern überwiegen die Männer.
- In Ein-Kind-Familien werden seltener Tragehilfen benutzt als in Mehr-Kind-Familien.
- Das Kind auf gleicher Höhe im, Tragetuch oder Tragebeute ist eher gleichberechtigt.
- Das Kind im Kinderwagen ist weniger gleichberechtigt: Ich schaue auf es hinunter.
(Ähnlich ist es beim Umgang mit Frauen bei der Entbindung: Liegt die Gebärende auf der
Liege, ist sie mir fern, untergeordnet und nicht gleichberechtigt. Gebärt die Frau in aufrechter
Haltung – hockend – und ich hocke vor ihr, um das Kind aufzunehmen, dann ist sie mir nah,
gleichrangig und gleichberechtigt).
Dennoch gibt es auch kritische Punkte, die zu beachten sind:
- Einige Tragehilfen erlauben es dem Kind nicht, in physiologischer Haltung auf der
Hüfte oder auf dem Bauch der Mutter/des Vaters zu sitzen. - Einige Eltern tragen ihr Kind fast ununterbrochen. Aber sowohl das Kind als auch die
Mutter brauchen Phasen der Ruhe und des Abstands. - Das Gewicht des Kindes belastet den Körper des Tragenden (Muskulatur, Bänder,
Wirbelsäule). Deshalb das Kind von Anfang an regelmäßig tragen, um Kondition zu
entwickeln. - Vorsicht bei großer Kälte. Mir ist ein “dampfender” Vater in Erinnerung, der im Schnee
bergauf stapfte, und das auf dem Rücken getragene Kind hatte eiskalte Beinchen. - Das Material der Tragehilfen kann Formaldehyd enthalten (“pflegeleicht”) oder andere
giftige Chemikalien (auf Deklaration achten).
Auch der Kinderwagen hat seine Nachteile
- Er ist ein unnatürliches Transportmittel, das Kind ist von unnatürlichen Dingen umgeben,
er riecht nicht gut, dünstet “Chemie” aus, - sein Innenklima ist schlecht (wie in einem verhüllten Stubenwagen oder einem unge-
lüfteten Schlafzimmer), - er wärmt nicht,
- er wackelt unrhythmisch (als Einschlafhilfe wird er deswegen ganz anders, nämlich
rhythmisch, bewegt als beim Schieben), - er bietet dem Ohr nur unphysiologische Geräusche an,
- das Gesicht des Schiebenden ist zu weit entfernt (der junge Säugling sieht nur 40 cm
weit); liegt das Kind auf dem Bauch, sieht es gar nichts, - Mutter oder Vater haben die Hände nicht frei,
- er ist teuer und steht nach einem Jahr in der Ecke,
- das Kind wird hineingelegt und abgestellt. Mit der Tragehilfe “muß” die Mutter/der Vater
laufen, dies bedeutet tägliche Gymnastik.
Früher gab es keine Kinderwagen. Die Säuglinge wurden unterwegs oder auch bei der Arbeit
getragen (Tragegürtel in Südasien, Tücher in Afrika) oder bei Nomaden (Asien) und India-
nern in senkrecht hängenden Tragegestellen (Hängewiegenmit Kopfstütze) mitgenommen.
Kinderwagen waren zunächst das Privileg der Reichen: Die Zofe fuhr das vornehme Kind
spazieren. Erst später kopierte das Bürgertum dieses “Vorbild”.
Seit über 20 Jahren empfehlen wir das Didymos- Tragetuch von Frau Hoffmann. Seit 28
Jahren arbeite ich mit meiner Frau, Dr. med. Magdalene Bonnet, zusammen in eigener
Praxis. Sie hat viel zu meinen Erkenntnissen beigetragen.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
