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Die Geschichte des Tragens

Trage-Tradition in Europa?

Der Kinderwagen wurde Ende des 19. Jahrhunderts erfunden und von Queen Victoria hoffähig gemacht. Der Einzug dieses rollenden Gefährtes in die Säuglingspflege war eine logische Konsequenz aus der gängigen Praxis der Kinderbetreuung besser gestellter Gesellschaftsschichten. In wohlhabenden Familien war es seit langem üblich, Kinder von Ammen und Kindermädchen betreuen zu lassen, teils sogar gänzlich außerhalb des eigentlichen Familienkreises.
Sich als Eltern nicht direkt um die Kinderpflege kümmern zu müssen, war Zeichen eines gut gestellten Hauses mit genügend Personal, das für die Kinder sorgte, und somit bevölkerten Kindermädchen mit Kinderwagen die Straßen und Parks vor allem der Städte, wo der Ausbau von Straßen und Wegen schneller vonstatten ging als auf dem Lande. Der Kinderwagen ist gleichzeitig ein Zeichen für die zu dieser Zeit übliche Distanz zwischen Mutter und Kind in besseren Kreisen.
Doch wie handhabten die nicht so gut gestellten Familien die Kinderbetreuung, und auch vor der “Epoche” des Kinderwagens mussten Kinder transportiert worden sein?

 

Nur wenige historische Belege


Die Geschichtsschreibung, auch Kunst- und Kulturgeschichte ließen häufig die Lebensbereiche ärmerer oder durchschnittlicher Familien außer Acht, so dass unser Bild von vergangenen Kulturepochen nur das der gehobenen Gesellschaftsschichten widerspiegelt.
Aber es finden sich auf alten Darstellungen doch immer wieder auch Motive aus dem bäuerlichen Leben oder – zumindest als Teilaspekt – aus dem ärmerer Familien. Rembrandt zeichnete z. B. ein Frau mit einem auf dem Rücken gebundenen Kind (Bild ganz unten links), es wurden Mütter in bäuerlicher Tracht abgebildet,die ihren in einem Tragetuch eingebundenen Säugling zärtlich betrachten, auch eine schwedische Mutter in sonntäglich aufwendiger Kleidung ist zu finden, die ihr Kind in einem nahezu modern anmutenden Tragesack auf dem Rücken trägt (Bild links).

Ein spätmittelalterliches Gemälde in einer italienischen Kapelle, das die heilige Familien auf der Flucht aus Ägypten zeigt , entspricht in manchen Aspekten den Gegebenheiten während der Entstehung des Bildes; und so dürfte es im Mittelalter üblich gewesen sein, dass Mütter, wie die in dem Bild dargestellte Maria, ihre Kinder in einem Tuch umgebunden mitnahmen. So lässt sich doch nach und nach einiges finden, was belegt, dass Tragen von Kindern auch in Europa verbreitet war (Chamberlain 1997, Manns, Schrader 1995, Zglinicki 1979).

 

Die Landbevölkerung verwendet Tragehilfen

Mutter mit Kind in Peru

Mutter mit Kind in Peru

Wie es scheint, ist die – bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gültige – Tradition, Kinder während des ersten Lebensjahrs ständig mitzunehmen, weitgehend vergessen. Oft waren hieran alle Frauen der Familie beteiligt, neben Mutter und Tanten auch ältere Schwestern.

Nur noch vereinzelt findet man heute Berichte oder Erzählungen hierüber, die vor allem aus dem bäuerlichen Bereich stammen. Und die Erinnerungen enden in den vierziger Jahren.

Übrigens war es auch durchaus üblich, die kleinsten Kinder nicht alleine schlafen zu lassen.

Sie hatten ihre Schlafstatt nicht unbedingt bei den Eltern, jedoch bei anderen Erwachsenen (Chamberlain 1997).

 

Weil es einfach praktisch ist

Auch dies geriet in Vergessenheit oder in Verruf.

– Aber manches Mal tauchen verblüffende Belege für eine Trage-Tradition auch in Deutschland auf.

Vor allem bäuerliche Kleidung hält so manche Überraschung parat, nicht nur Tücher wurden eingesetzt, sondern manche Mäntel weisen Besonderheiten speziell für das Tragen von Kindern auf oder können mit wenigen Handgriffen so umfunktioniert werden, dass das Tragen erleichtert wird.
Kinder zu tragen und Körperkontakt zu gewähren, war anscheinend vor allem in bäuerlich-ländlichen Gebieten durchaus gegeben. Oft wurde es jedoch mit Armut und Zugehörigkeit zu ungebildeten Gesellschaftsschichten verknüpft, doch die sorgfältige Kleidung auf manchen Bildern widersprechen dieser Vorstellung, auch wenn das Tragen der Säuglinge für Menschen auf der Wanderschaft am bedeutsamsten war, die sicherlich nicht zu den wohlhabenden Bevölkerungskreisen gehörten.

 

Früher hatte man andere Erziehungsziele

„Bettler“, Rembrandt, 1648

Die Distanz der Eltern zu ihren Kindern, die Vorstellung frühzeitig mit der Erziehung beginnen zu müssen, sie nicht zu verwöhnen und früh auf die Härte des Lebens vorbereiten zu wollen, waren in gehobeneren Kreisen zu Beginn des letzten Jahrhunderts gang und gäbe.
Dass ein Kind beginnend im Säuglingsalter an die gesellschaftlichen Erfordernisse gewöhnt und entsprechend erzogen werden müsse, erreichte jedoch in der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Ebene.
Die Erziehung eines Kindes begann sofort nach der Geburt unter dem Zeichen des Nicht-Verwöhnens und frühzeitiger Disziplinierung. In den Erziehungsratgebern dieser Zeit wird von zu viel Körperkontakt abgeraten, selbst Wickeln und Baden sollte zügig vonstatten gehen, kein “Gespiele” und “Getändele”, ein Säugling sollte möglichst wenig aus seinemBettchen, das in einem separaten Zimmer zu stehen hatte, herausgenommen und möglichst wenig getragen werden.

 

 

 

 

Emotionen, Nähe und Geborgenheit waren verdächtig

Großeltern wurden vor allem misstrauisch begutachtet, da sie anscheinend die verwerfliche Tendenz hatten, Kindern ihre Beachtung zu schenken, sie auf den Arm zu nehmen und herumzutragen wünschten, sich mit ihnen beschäftigen wollten und sie so unmäßig verwöhnen und ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken würden.

Regelmäßig eingehaltenes, pünktliches Stillen wird als entscheidender Beginn der Erziehung eines Kindes schon in den ersten Lebenswochen angegeben, und auch hier galt: möglichst wenig Körperkontakt und ein zeitlich festgesetzter Rahmen für die Trinkzeit. “Trödelte” der Säugling herum, sollte er sofort abgelegt werden.

Ihm wurde sowieso nur, wenn nicht extrem geringes Gewicht oder Krankheit es erforderten, maximal 20 Minuten gewährt damit er bereits frühzeitig lernte, dass er sich festen Regeln anzupassen hat und sich fügen muss. – Und natürlich darf nicht auf Schreien reagiert werden (Haarer 1938, Chamberlain 1997).

 

Ziel war die Formung treuer Staatsbürger

Der Ratgeber “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” von Johanna Haarer erschien 1934 und erreichte enorme Verbreitung. Mütterschulungen basierten auf diesem Buch, die selbst in entlegendsten Gebieten auf dem Land abgehalten wurden. Es fehlte bis dahin nicht an Säuglingspflegebüchern, die kind- und müttergerechtere Vorstellungen vertraten.

Doch dieses Buch entsprach den Interessen des nationalsozialistischen Staates und wurde als Mittel zur Einflussnahme bewusst eingesetzt, die Lancierung seiner Verbreitung war daher nur konsequent, um bereits von Kindesbeinen an Einfluss auf die Bürger zu haben.

Überraschend war jedoch, dass dieses Buch auch nach 1945 weiterhin aufgelegt wurde, wenn auch mit verändertem Titel: “Die Mutter und ihr erstes Kind”.

Die letzte, zugegeben etwas überarbeitete, Auflage erschien übrigens 1987.

 

Jahrtausendalte Tradition

Babys zu tragen ist also eine jahrtausendalte Tradition und fand und findet in allen Kulturen dieser Erde statt.
Darstellungen finden sich in Galerien und Museen. Hier zeigen wir Ihnen eine kleine Auswahl, die wir gefunden haben.
Wenn Sie etwas finden, schreiben Sie uns wo, und vielleicht haben Sie sogar ein Foto für uns.

 

Wachsrelief, Giovanni F. Pieri, Ende des 18. Jahrhunderts aegypten-2 b3

 

„ Femme et enfant pepohoan”, Illustration von Diogène Maillart aus dem Buch The Straits of Malacca, Indo-China and China or Ten years' travels, adventures and residence abroad, von John Thomson, London: Sampson, Marston, Low, & Searle, 1875 drei Lasten

 

Christophorus aus dem Westminster Psalter, ca. 1250 'Gypsy women of Slavonia asking alms', Illustration aus dem Buch "Peoples of the World" Band 5, von Robert Brown, Cassell & Co 1893   et-inuit