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Sabine Lotz, Autorin der Zeitschrift ELTERN

Nachhilfe für die Babyhüfte

Experten-Lotz1_1000Auch gesunde Babys können Hüftprobleme bekommen. Dabei ist Vorbeugung ganz einfach. Artikel aus ELTERN 11/2001

“Im Prinzip ist mit den Hüftgelenken ihres Kindes alles in Ordnung. Wickeln Sie es trotzdem sicherheitshalber sechs, acht Wochen lang breit. Dann schauen wir uns seine Hüften noch mal an.”
Ähnliche Sätze hören viele Eltern bei der U3. Der Kinderarzt will damit beruhigen – und erreicht das Gegenteil. Denn für Erklärungen bleibt oft keine Zeit, und die Eltern fragen sich später mit Recht, warum sie ihr Kind breit wickeln sollen, wenn seine Hüften doch in Ordnung sind? Die Antwort ist ganz einfach: zur Vorbeugung! Die Hüftgelenke von Babys sind noch weich und formbar. Werden sie in den ersten Lebensmonaten falsch belastet, können gesunde Hüften krank werden.

 

Wie groß dabei der Einfluß der Babypflege ist, zeigt das Beispiel der Eskimos. Die lglu-Bewohner binden ihre Säuglinge mit gestreckten Beinchen auf Brettern fest. Die Folge: Bei den Eskimos ist der Anteil der Menschen mit mangelhaft ausgeformten Hüftgelenken (= Hüftdysplasie) weltweit am größten. Umgekehrt geht die Hüftdysplasie-Rate bei all den Völkern gegen null, bei denen die Eltern ihre Babys mit gespreizten Beinchen auf der Hüfte oder in einem Tragetuch transportieren. Und auch in Deutschland spiegelt sich die Art der Babypflege in der Zahl der Hüftdysplasien wider: Das Umsteigen von Stoff- auf Papierwindeln hat die Hüftdysplasie-Rate ansteigen lassen. Der Grund: Die weichen Papierwindeln spreizen die Babybeinchen nicht so weit, wie die festen Stoffwindeln das taten.

 
Als die Bauchlage immer mehr verschwand, sank die Hüftdysplasie-Rate wieder. Denn: Babys in Rückenlage können ihre Beine häufiger und leichter anwinkeln. Ob ein Baby seine Beinchen in den ersten Lebensmonaten spreizen darf, hat entscheidenden Einfluß auf die Hüftentwicklung. Denn beim Anwinkeln der Beine rutscht der Kopf des Oberschenkelknochens in die Mitte der Hüftgelenkpfanne. Je häufiger er diese Position einnimmt, desto besser formen sich Dach und Rand der Gelenkpfanne aus – optimale Voraussetzung für das Zusammenspiel der beiden Gelenkteile.

 
Zu breitem Wickeln raten die Ärzte nicht nur bei vielen Kindern mit gesunden Hüften, sondern natürlich auch bei Babys mit vorbelasteten Hüftgelenken. Dazu zählen Kinder, in deren Familie es bereits Hüftschäden gegeben hat. Weitere “Hüftrisiko-Kinder” sind Zwillinge und Beckenendlagen-Kinder. Eine dritte Risikogruppe bilden die Kinder, deren Hüften bei der orthopädischen Untersuchung “verdächtig” reagieren, obwohl im Ultraschall alles normal scheint.

 
Nicht Vorbeugung, sondern Behandlung bedeutet das breite Wickeln für die Kinder, die mit einer Hüftdysplasie zur Welt kommen. Werden diese Kinder nicht konsequent breit gewickelt bzw. – falls das nicht genügt – mit Spreizhose oder Gipsschale behandelt, drohen ihnen Folgeschäden. Bei manchen verschlimmert sich die Hüftdysplasie zur -luxation. Das heißt, das Hüftgelenk renkt sich aus und muß operiert werden.

 

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Andere Betroffene spüren lange nichts von dem Fehler in ihrem Hüftgelenk, bekommen aber irgendwann Schmerzen, weil die Hüfte vorzeitig verschleißt (Arthrose). So mancher Erwachsene bräuchte heute kein künstliches Hüftgelenk, hätte man rechtzeitig vorgebeugt. Breit wickeln ist ganz einfach: Nach Anlegen der ersten “normalen” Windel eine zweite Papierwindel (gefaltet, wie sie aus der Packung kommt) quer zwischen die Oberschenkel des Babys legen und dann einen gut sitzenden Strampler darüber ziehen. Scheuert die “Querwindel” die zarte Oberschenkelhaut wund, kann man als Alternative das Kind erst komplett anziehen, dann die Zweitwindel quer legen und ein Höschen darüber ziehen. Das sieht zwar nicht so hübsch aus, ist aber vielen Babys angenehmer.

 

Autorin: Sabine Lotz

Medizinische Beratung: Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard, Orthopädische Universitätsklinik der RWTH Aachen