Suche
Mein Konto Mein Warenkorb: 0,00 €

Remo H. Largo, Professor für Kinderheilkunde

Unspezifisches Schreien

Experten-Largo2_1000Auszug aus dem Buch “Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren”

Das unspezifische Schreien in den ersten Lebensmonaten kann die Eltern nachhaltig verunsichern. Weil sie sich das Schreien nicht erklären können und weil das Schreien von Woche zu Woche schlimmer wird, nehmen sie begreiflicherweise an, dass sie irgendetwas in der Pflege oder im Umgang mit dem Kind falsch machen.
In Gesellschaften, in denen Säuglinge einen engen Körperkontakt mit der Mutter und anderen vertrauten Personen haben, scheint das unspezifische Schreien weniger ausgeprägt zu sein. Wenn wir bedenken, daß der menschliche Säugling beinahe während der ganzen Menschheitsgeschichte von der Mutter herumgetragen wurde, müssen wir uns ernsthaft fragen, ob nicht viele Kinder gar nicht in der Lage sind, in den ersten Lebensmonaten ohne ständigen Körperkontakt mit der Mutter und anderen vertrauten Personen auszukommen.
Möglicherweise wird der Säugling durch das stundenlange Liegenlassen, wie es in unserer Kultur seit Beginn der Industrialisierung, das heißt, seit rund 150 Jahren, der Brauch ist, in einen unphysiologischen Zustand versetzt, der sich unter anderem in unspezifischem Schreien äußert.

 

In einer neueren Studie konnte gezeigt werden, daß vermehrtes Herumtragen während dreier Stunden pro Tag zu einer erheblichen Verminderung des täglichen Schreiens führt. Entscheidend dabei ist, daß der Säugling nicht erst herumgetragen wird, wenn er weint, sondern daß das Herumtragen über den Tag verteilt erfolgt.

 

Wiederholter Körperkontakt und häufige Stimulierung des Gleichgewichts- und Bewegungsorganes scheinen eine rhythmisierende Wirkung auf verschiedenste Körperfunktionen zu haben, die zu einer Reduzierung der Schreiperioden führt. Kinder, die vermehrt herumgetragen werden, schlafen nicht mehr oder weniger als andere Kinder, sie schlafen aber leichter ein.Zudem sind sie aufmerksamer und interessierter an der Umwelt. In Gesellschaften, in denen die Kinder weniger schreien, werden Säuglinge nicht nur mehr herumgetragen als bei uns, sie werden auch weit häufiger gestillt.

 

Das Buch “Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren” ist bei uns im Shop erhältlich.

 

Pavor-Nocturnus, der Nachtschreck

Auszug aus dem Buch “Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren”

 

Das nächtliche Schreien hat eigentlich nichts mit dem Thema Tragen zu tun. Nachtschreck und Alpträume sind vielmehr Phänomene, mit denen Sie als Eltern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit irgendwann konfrontiert werden. Unser Sohn Paul hatte es, und auch einige Kinder von Freunden erschreckten ihre Eltern mit diesem etwas bizarren Verhalten. Wir waren damals einigermaßen beunruhigt und das das folgende Kapitel aus dem Buch “Babyjahre” hat uns sehr geholfen. Ich möche hier noch mal die Gelegenheit ergreifen, für dieses einfühlsame und kompetente Nachschlagewerk zu werben.

 

Experten-Largo1_828Nächtliche Angstgespenster

Die Eltern von Peter begeben sich gerade zu Bett, als ihr zweijähriger Sohn aus Leibeskräften zu schreien anfängt. Sie stürzen ins Kinderzimmer und finden Peter mit einem äußerst angstvollen Gesichtsausdruck im Bett stehend. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er schreit wie am Spieß und starrt gebannt ein imaginäres Ungeheuer an. Er atmet und schwitzt, als ob er Schwerarbeit leisten würde. Als die Mutter sich ihm nähert, weicht er zurück. Die Mutter redet besänftigend auf Peter ein, was sein Geschrei aber nur verstärkt. Sie versucht ihn in die Arme zu nehmen und zu streicheln. Peter schlägt wild um sich. Alle Versuche das Kind zu wecken bleiben erfolglos. Nach etwa zehn Minuten ist der ganze Spuk vorbei: Peter blickt umher, ist nicht mehr verstört. Er wirkt müde und schläft nach kurzer Zeit zufrieden ein.
Peter hat ein sogenanntes Angsterschrecken oder Pavor nocturnus gehabt. Der Pavor nocturnus kann Eltern, die dieses Verhalten nicht kennen, einen gehörigen Schrecken einjagen. Die meisten Eltern rufen beim erstmaligen Ereignis nach ihrem Hausarzt. Wenn der Arzt eintrifft, ist das ganze Geschehen bereits vorüber.

 
Die Eltern möchten vom Arzt wissen:

    • Warum war Peter so verstört?
    • Was hat Peter erlebt, daß sein Gesicht so angsterfüllt war?
    • Was hat Peter gesehen, daß seine Augen so aufgerissen waren?
    • Warum ließ er sich nicht wecken?
    • Könnte sich ein solcher Vorfall wiederholen?
    • Haben sie etwas falsch gemacht in der Erziehung?

Der Pavor nocturnus ist in den vergangenen 20 Jahren wissenschaftlich gut untersucht worden. Aufgrund seiner elektrophysiologischen Merkmale betrachten Schlafforscher den Pavor nocturnus als ein normales Schlafphänomen, das in einer bestimmten Altersperiode auftritt. Dem Angsterschrecken liegt ein sogenanntes partielles Aufwachen aus dem tiefsten Non-REM-Schlafstadium zugrunde; das heißt, das Kind wacht aus dem Tiefschlaf unvollständig auf, was sich in einer Art Verwirrtheitszustand äußert.

 
Der Pavor nocturnus tritt typischerweise ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen auf. (Ein Angstzustand in den frühen Morgenstunden ist kein Pavor!) Das Kind hat die Augen weit offen, reagiert aber nicht oder inadäquat auf das Erscheinen der Eltern. Sein Gesicht und seine Haltung drücken Angst, Wut oder Verwirrung aus. Das Kind schwitzt ausgeprägt, atmet verstärkt und hat einen jagenden Puls. Es nimmt die Eltern nur begrenzt wahr. Wenn es angesprochen wird, gibt es keine oder verwirrte Antworten. Es gelingt den Eltern nicht, das Kind zu wecken. Wenn die Eltern versuchen, das Kind zu beruhigen, indem sie es streicheln und in den Arm nehmen, regt sich das Kind zusätzlich auf. Es stößt die Eltern weg und schlägt um sich. Das Aufwachen geschieht abrupt. Atmung und Puls normalisieren sich schlagartig. Wie ein Spuk verschwindet der Schreck aus dem Gesicht und der Haltung des Kindes. Das Kind ist zufrieden. müde und schläft rasch ein. Wenn die Eltern das Kind fragen, was es erlebt hat, kann es keine Auskunft geben. Es hat auch in den folgenden Tagen keine Erinnerung. Die meisten Episoden dauern fünf bis 15 Minuten. Selten dauert eine Episode mehr als eine Viertelstunde – eine sehr, sehr lange Zeit für die Eltern.

 

Der Pavor nocturnus tritt zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr, selten bereits Ende des ersten Lebensjahres auf. Am häufigsten wird er im vierten und fünften Lebensjahr beobachtet. Genaue Angaben über die Häufigkeit des Pavor nocturnus fehlen. Man darf aber annehmen, daß zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr ein Drittel bis die Hälfte aller Kinder solche Episoden haben. Bei den meisten Kindern tritt der Pavor nur sporadisch auf, insgesamt ein bis mehrere Male. Manche Kinder erleben während ein bis zwei Jahren alle ein bis zwei Monate ein solches Ereignis. Selten tritt der Pavor bei einem Kind jede Nacht auf.

 

Nach einem ereignisvollen Tag, zum Beispiel nach einem Familientreffen oder dem Besuch eines Rummelplatzes, neigen manche Kinder in der darauffolgenden Nacht zu einem Pavor nocturnus. Im Schlaf verarbeiten die Kinder, was sie am Vortag erlebt haben. Waren die Kinder ungewöhnlich vielen Reizen ausgesetzt, kann ihnen deren Verarbeitung Mühe bereiten, was sich als Pavor nocturnus äußern kann.

 

Der Pavor nocturnus gehört zum normalen Schlafverhalten, er ist keine Verhaltensauffällkeit! Beim Pavor nocturnus liegt keine psychische Störung vor. Ein Angsterschrecken ist nicht die Folge schwerwiegender psychische Erlebnisse. Betroffene Kinder leben nicht häufiger in schwierigen familiären Verhältnissen als Kinder ohne Pavor nocturnus. Der Pavor ist auch nicht mit einem bestimmten elterlichen Erziehungsstil verbunden. Er ist nicht die Folge einer Fehlerziehung.
Es gibt andere Verhaltensweisen, die die gleiche elektrophysiologische Grundlage haben wie der Pavor nocturnus. So gibt es Kinder, die mit den Zähnen knirschen oder im Schlaf reden – wie übrigens auch Erwachsene. Ein Teil der Kinder mit Pavor nocturnus neigt im Schulalter zum Schlafwandeln. Wenn die Eltern bei Großeltern, Onkeln und Tanten nachfragen, stellen sie häufig fest, daß Pavor nocturnus und Schlafwandeln in der Familie Tradition haben.

 

Wie sollen sich die Eltern verhalten?
Es ist verständlich, daß Eltern alle ihnen verfügbaren Mittel einsetzen, um ihr Kind von diesem psychischen Terror zu befreien. Sie versuchen, das Kind durch Zureden, Streicheln und Halten zu beruhigen. Sie möchten das Kind wecken: Sie schütteln es, waschen ihm das Gesicht mit einem kalten Waschlappen ab oder halten es unter die Dusche. Alle diese Maßnahmen sind vergeblich. In ihrem Kind läuft ein Prozess ab, zu dem die Eltern keinen Zugang haben.
Wenn sich das Kind nicht wecken läßt, was können die Eltern tun? Sie können das Kind vor Verletzungen schützen, indem sie es zum Beispiel davor bewahren, daß es eine Treppe hinunterstürzt. Daß es Eltern schwerfällt, tatenlos das Ende des Anfalls abzuwarten. ist verständlich. Beruhigend ist: Der Pavor ist nichts Gesundheitsschädigendes, insbesondere keine Epilepsie, und wird nicht durch den elterlichen Erziehungsstil ausgelöst.

 

Vom Angsterschrecken zu unterscheiden sind die sogenannten Angstträume. Angstträume können auch bereits in den ersten Lebensjahren auftreten, sind aber seltener als der Pavor nocturnus. Während der Pavor immer spätabends auftritt. kommen die Angstträume vorwiegend in der zweiten Hälfte der Nacht vor. Die Eltern erleben einen Angsttraum bei ihrem Kind anders als einen Pavor nocturnus, Wenn die Eltern auf das Kind aufmerksam werden, ist es bereits wach. Es ist verängstigt, aber nicht orientierungslos. Es möchte getröstet werden und braucht die Zuwendung der Eltern. Die Eltern können – im Gegensatz zum Pavor nocturnus – sich mit dem Kind verständigen, es in den Arm nehmen. Je nach Alter des Kindes können die Eltern mit ihm über den Trauminhalt sprechen. Das Kind erinnert sich an das Geträumte, oft auch noch in den folgenden Tagen. Inhalt der Angstträume sind häufig für das Kind belastende Ereignisse.
Das Kind braucht die Zuwendung und das Verständnis seiner Eltern, damit es seine Traumerlebnisse verarbeiten kann. Die Eltern sollten nicht versuchen, dem Kind die Träume auszureden. Träume haben für die Kinder eine ganz andere Qualität als für uns Erwachsene.

 

Träume sind für die Kinder so real wie ihre Wahrnehmung im Wachzustand: Für die Kinder sind Träume Wirklichkeit. So kann es geschehen, daß ein Kind die Eltern beharrlich nach dem großen schwarzen Hund fragt, der ihm im Traum so große Angst eingejagt hat. Die Angstträume sind wie der Pavor nocturnus – auch wenn sie sporadisch auftreten – Teil des normalen Schlafverhaltens. Sie weisen nicht zwangsläufig auf das Vorliegen einer psychischen Störung hin. Kommen Angstträume ein oder mehrmals pro Woche vor und ist das Kind auch tagsüber verängstigt und bedrückt, sollten die Eltern fachliche Hilfe in Anspruch nehmen.

 

Wir haben uns nun ausführlich mit den schlechten Träumen beschäftigt. Selbstverständlich haben Kinder in den ersten Lebensjahren auch gute Träume. Weil für sie die Traumwelt genauso real ist wie die Welt im Wachzustand, nehmen sie wahrscheinlich an, ihre Träume seien uns bekannt. So reden die Kinder selten darüber, was sie Schönes im Traum erlebt haben; aber ihre glücklichen Gesichter im Schlaf zeugen davon.

 

Das Buch “Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren” ist bei uns im Shop erhältlich.