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Studien und wissenschaftliche Arbeiten

Das Tragetuch

Eine Möglichkeit zur Wiederherstellung des biologisch vorgegebenen Verhaltens bei der Pflege von Neugeborenen, Säuglingen und Kleinstkindern

 

Prof. Dr. med. J. Büschelberger, Facharzt für Orthopädie Dresden
Das Tragetuch ist eine einfach zu handhabende Vorrichtung zur Wiederherstellung eines natürlichen Mutter-Kind-Verhältnisses (Dyade). Das Tuch erleichtert erheblich die Pflege von Kindern von deren Geburt an während ihrer ersten zwei Lebensjahre. Durch das Tragen im Tuch werden die psychische und körperliche Reifung und Entwicklung der Kinder gefördert, und es werden die perinatale Luxationshüfte sowie andere Mutter-Entzugserscheinungen mit Sicherheit verhütet. Außerdem ist die Wiederherstellung der Mutter-Kind-Dyade eine besonders intensive und lang dauernde Fortsetzung einer in der Entbindungsklinik begonnenen Rooming-in-Betreuung und gewährleistet eine weitgehend komplikationslose Integration der Kinder in das Sozialleben der menschlichen Gesellschaft.

 

 

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, die perinatale Luxationshüfte durch biologisch determinierte Maßnahmen erfolgssicher zu verhüten, stößt man zwangsläufig auf die Problematik der Mutter-Kind-Gruppe. Diese Gruppe wurde von dem Soziologen SIMMEL “Dyade” genannt und stellt ein geschlossenes System dar, in dem eine wechselseitige Rückkopplung besteht, wobei jeder der beiden Partner die Ergänzung des anderen ist und jeder vom anderen lernt.

 

 

 

 

 

 

Dieses Lernen beginnt bereits unmittelbar nach der Geburt in einer wahrscheinlich nur sehr kurz dauernden sensiblen Periode, deren Dauer durch einen zeitgerechten und situationsgemäßen Kontakt zwischen Mutter und Kind bestimmt wird. Ein solcher obligatorischer Lernvorgang wird als Prägungslernen bezeichnet. An ihm sind in unterschiedlichem Ausmaß wahrscheinlich alle fünf Sinne beteiligt. Die postpartale Prägung dient dem gegenseitigen Erkennen und der Festigung der Bindung zueinander. Am intensivsten wird diese Bindung, wenn das Neugeborene sofort nach der Geburt ungewaschen auf den Körper der Mutter gelegt wird, so dass ein Haut-zu-Haut-Kontakt entsteht und wenn das Kind gleichzeitig die Mamille einer Brust der Mutter in den Mund nehmen kann. Durch den Hautkontakt und das Lecken an der Mamille nimmt das Neugeborene auf seine Haut und in seine Verdauungsorgane die Bakterienflora der Mutter auf, gegen die es vor der Geburt durch die Plazenta und postnatal mit der Muttermilch die Immunabwehr erhält, so dass es, bakteriologisch gesehen, weitgehend vor einem Hospitalismus geschützt ist.
Die erste Umwelt des Neugeborenen ist ausschließlich seine Mutter. Der Mensch ist phylogenetisch ein Nestflüchter, wird aber als “physiologische Frühgeburt” geboren und muss gewissermaßen “in statu nascendi” noch wenigstens 12 Monate auf dem Körper der Mutter verbringen, um artgemäß zu reifen und sich zu entwickeln. Das Neugeborene ist in vielfältiger Weise dem Leben auf dem Körper der Mutter angepasst. Dafür sprechen unter anderem die Totalkyphose der Wirbelsäule, die als “umwegige Entwicklung” bezeichneten intra- und extrauterinen Gestalt- und Lageveränderungen der Hüftpfannen und koxalen Femurenden, sowie die physiologische Streckhemmung der Hüftgelenke. Diese Streckhemmung und die starke Antetorsion der Schenkelhälse ermöglichen dem Neugeborenen ein zwangloses Reiten auf dem Körper der Mutter. Im Reitsitz sind die Beine des Kindes in den Hüftgelenken um mehr als 90 Grad gebeugt und um etwa 25 Grad aus der Sagittalebene abduziert und die Schenkelhalsachsen strahlen annähernd lotrecht in die Eingangsebenen der Hüftpfannen ein. In dieser Stellung werden an beiden Gelenkkörpern – Femurkopf und Hüftpfanne – alle Bezirke gleichmäßig belastet, was für die Entwicklung ihrer Knochenkerne und damit für eine normale Ausbildung der Kugelform des Caput femoris und der Hohlkugelform des Azetabulum notwendig ist.

 

 

Die angeborene Gelenkschlaffheit ist jedoch dann bedeutungslos, wenn die Beine des Neugeborenen Beuge-Spreiz-Haltung einnehmen, wie das beim Reiten auf der Hüfte der Mutter und ersatzweise bei breitem Wickeln und Verwendung von Spreizhosen der Fall ist. In dieser Position drücken die Femurköpfe in die Pfannenzentren und nicht gegen die hinteren-oberen Abschnitte der knorpligweichen Pfannenwände, und die Kapselbänder sind weitest möglich entspannt, können also nicht überdehnt werden. Zur Geburt instabile Hüften können innerhalb der ersten Lebenstage von allein stabil werden, doch läßt sich nicht vorhersagen, welche der hypermobilen Hüften Stabilität bekommen und welche schlaff bleiben werden. Aus diesem Grund ist es notwendig, schon in der Neugeborenenperiode die Beine der Kinder in die physiologische Beuge-Spreiz-Haltung zu bringen. Das geschieht am natürlichsten durch Wiederherstellung der Mutter-Kind-Dyade mittels des Tragetuchs.

 

 

 

 

Nicht selten fragen besorgte Eltern, ob die Benutzung eines Kindertragetuches der Mutter oder dem Kind auch Schaden zufügen kann und von welchem Alter an Säuglinge im Tuch getragen werden dürfen.
Die Frage, von welchem Alter an Kinder im Tuch getragen werden dürfen, wird meist deshalb gestellt, weil Neugeborene ihren Kopf noch nicht fixieren können und weil sie mit kyphotisch gebogener Wirbelsäule im Tuch sitzen. Obwohl Neugeborene ihren Kopf noch nicht fixieren können, darf man, ja soll man sie sogar im Tuch tragen. Die Mutter soll den Kopf des Kindes gegen ihren Brustkorb lehnen, das Tuch bis zum Köpfchen hochziehen und dieses erforderlichenfalls mit ihrem Oberarm von seitlich her etwas stützen. Das Kind lernt durch das Getragenwerden im Tuch sehr schnell, seinen Kopf zu fixieren. REISETBAUER und CZERMAK berichten in Wort und Bild, dass bei auf dem Bauch liegenden Neugeborenen die Aufrichtung gleich nach der Geburt mit Kopfanhebebewegungen einsetzt, und WUSTMANN schreibt über die körperliche Entwicklung südamerikanischer Indianerkinder: “Eines Tages besuchten wir die Aueti, wo soeben ein Kind zur Welt gekommen war. …Es saugte nach wenigen Stunden, wurde von der Mutter im Hüftsitz getragen und hielt bereits nach zwei Tagen das Köpfchen aufrecht.”
An der kindlichen Wirbelsäule kann das Tragen im Tuch keine Schäden hervorrufen. Die intrauterine Haltung, die Totalkyphose der Wirbelsäule, bleibt nach der Geburt beim Sitzen im Tragetuch noch für lange Zeit erhalten. Mit Kräftigung der Hals- und Nackenmuskulatur und durch Aufnahme von Sozialkontakten mit der außerhalb der Dyade bestehenden Umwelt bildet sich nach einigen Wochen die Halslordose aus, während die Abschnitte der Brust- und der Lendenwirbelsäule bis zum Beginn des Gehens in kyphotischer Haltung verbleiben.

 
Dem älter werdenden Kind bietet das Leben im Tuch die Möglichkeit, sich von seiner ersten Umwelt, der Mutter, allmählich der sozialen Umwelt zuzuwenden, ohne die Geborgenheit bei der Mutter aufgeben zu müssen. Die Vorteile der Verwendung des Tragetuchs beschränken sich nicht nur auf die absolut sichere Verhütung der perinatalen Luxationshüfte sowie anderer Mutter-Entzugserscheinungen und auf eine gesunde psychische Reifung und Entwicklung des Kindes durch engstmöglichen Sozialkontakt, sondern liegen auch auf alltäglichem praktischem Gebiet. Durch den “Transport” im Tuch bzw. den körperlichen Kontakt mit der Mutter kommen die Kinder beruhigt zur Untersuchung beim Kinderarzt und entwickeln deshalb bei den zu treffenden Maßnahmen keine oder eine nur geringere Abwehr als allgemein üblich.