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Studien und wissenschaftliche Arbeiten

Prof. Dr. Bernhard Hassenstein
Institut für Biologie der Universität Freiburg

Das Schreien eines Säuglings ist ein Signal, das – biologisch sinnvoll – einen unerwünschten Zustand kundgibt und von Natur aus für die Mutter einen appelierenden Charakter hat. Es ist nicht zu empfehlen, sich durch Selbsterziehung gegen diesen Appell zu verhärten. Die junge Mutter sollte auf alle Fälle nach ihrem weinenden Kind schauen und versuchen, die Ursache für seinen Hilferuf zu ergründen. Genügt eine sanfte oder auch lebhafte Bewegung des Bettchens und begütigendes Sprechen, um das Baby zu beruhigen, so bedeutete das Weinen, dass sich das Kind verlassen fühlte und eine Anwesenheitsbestätigung der Mutter benötigte.

Tritt keine Beruhigung ein so ist zu überprüfen:

  • Ist das Kind zu warm oder zu kühl zugedeckt?
  • Sind die Windeln schmutzig?
  • Hat das Kind Hunger?
  • Ängstigt es die Dunkelheit im Zimmer?

Mit wachsender Erfahrung findet die Mutter oft den Grund für das Weinen. Wenn das Kind beispielsweise die Dunkelheit fürchtet, soll man ruhig ein kleines Licht anlassen oder die Tür zum Nebenzimmer einen Spalt breit offen stehen lassen auch wenn dort Stimmen zu hören sind. Diese können das Baby mitunter besser beruhigen als absolute Stille, die das Kind unter Umständen ängstigt.
Ein großer Fehler ist es dagegen, ein Baby in einem entlegenen Raum unterzubringen, so dass man sein Weinen, nicht hört. Man belässt den Säugling damit in der Situation des Verlassenseins, so dass er immer wieder lange Zeit seine gesamte Verhaltenskapazität auf die Beseitigung seiner vermeintlichen Bedrohung zusammenfasst. Es ist falsch zu meinen, einem Säugling müsse zwar geholfen werden, wenn er aus Hunger weint oder weil die Windeln nass sind man solle ihn aber ruhig schreien lassen, wenn er “nur Gesellschaft will, weiter gar nichts”.


Die hierin deutlich werdende Einschätzung ist aus zwei Gründen unrichtig:

1. Der Säugling kann nicht die gleiche Einsicht in seine gesicherte Lage haben wie die Erwachsenen und wissen, dass er obwohl allein im Zimmer oder in der Dunkelheit nicht verlassen ist. Aus diesem Grunde ist für ihn das Fehlen des Anwesenheitssignals der Mutter ein Zeichen für den vermeintlichen Verlust des Kontaktes mit ihr.

2. Die Anwesenheitsbestätigung der Erwachsenen ist für den Säugling eine ebenso wichtige Lebensnotwendigkeit wie das Füttern und das Trockenlegen; das Fehlen des Kontaktes ruft Verlassenheitsangst hervor.

Angst ist keineswegs eine “rein subjektive Angelegenheit”, sondern sie geht, wie wir wissen, mit weitreichenden Umschaltungen im Nerven- und Hormonsystem einher; beispielsweise werden die Verdauungsfunktionen weitgehend unterdrückt. Ein in Verlassenheitsangst weinender Säugling ist im Zustand des Stresses. Völlig irrig ist auch die Meinung, Weinen wäre für den Säugling gesund: Es sei ein “Verdauungsspaziergang”, oder es stärke seine Lunge.
Manche Betreuer geben weinenden Säuglingen darum keine Anwesenheitszeichen, weil sie fürchten, sie zu verwöhnen und daraufhin von ihnen tyrannisiert zu werden. Diese Vorstellung wäre nur dann begründet und richtig, wenn Säuglinge schon Einsicht in räumliche Verhältnisse (“Mutter im Nebenzimmer”) hätten, was aber, wie eben gezeigt, nicht der Fall ist. Das Weinen ist ein Hilferuf an die Mutter aus einer vermeintlichen Notlage heraus.
Wenn eine Mutter den Säugling durch ihre liebevolle Betreuung zufriedenstellt, so ist das kein Sich-Tyrannisieren-Lassen, sondern das Erfüllen einer notwendigen Betreuungsaufgabe. Überdies: Kinder, die zu Beginn ihres Lebens ausgiebig betreut wurden, werden später schneller selbstständig und unabhängig von der elterlichen Fürsorge, sie werden weniger leicht zu sich anklammernden Problemkindern. Mangelnde Fürsorge im ersten Lebensjahr (wie auch in der Folgezeit) kann dagegen, falls der Mangel nicht alsbald ausgeglichen wird, später zu einem Vielfachen an notwendigem Einsatz der Eltern in den Kleinkindjahren und in der Schulzeit führen.

 

 

Was “Verwöhnen” heißt, wird ausführlicher in einem späteren Abschnitt (III C 4) erörtert; Verwöhnen ist bei älteren Kindern ein Erziehungsfehler, den man unbedingt vermeiden sollte. Das volle Befriedigen aller Bedürfnisse des jungen Säuglings nach Nahrung und nach liebevoller Anwesenheit der Betreuer ist aber kein Verwöhnen. Zu lernen, Wunscherfüllungen hinauszuschieben, gehört erst in die nächste Altersphase, in der das Kind schon die Sprache der Mutter versteht und sie ihm etwas erklären kann.