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Studien und wissenschaftliche Arbeiten

Der Einfluss des Tragens auf das Schreiverhalten des Säuglings von Dr. Urs A. Hunziker, Kinderspital Zürich

 

Epidemiologie des Schreiverhaltens

Das Schreiverhalten in den ersten drei Lebensmonaten ist durch eine Zunahme der täglichen Schreidauer bis zur sechsten und einer anschließenden Abnahme bis zur 12. Lebenswoche gekennzeichnet (Brazelton; Emde, Gaensbauer, Harmon; Taubmann). Auch die Tagesverteilung des Schreiens in dieser Zeit verändert sich: Während es sich in den ersten zwei bis drei Wochen gleichmäßig über die ganzen 24 Stunden verteilt, häuft es sich gegen den 3. Monat in den späten Nachmittag- und frühen Nachtstunden (Brazelton). In der industrialisierten Welt wurde dieses Muster des Schreiens in mehreren Studien als ein typisches Merkmal des frühkindlichen Verhaltens beobachtet. Im Gegensatz dazu wird dieses Schreiverhalten in Drittwelt-Ländern, wo die Kinder sehr viel mehr Zeit an dem Körper der Mutter oder anderer erwachsener Personen verbringen, in weit geringerem Ausmaß beobachtet (Konner).

 

 

Studie

 

In einer prospektiven kontrollierten Studie waren auf zwei geburtshilflichen Abteilungen in Montreal, Canada, von insgesamt 234 angefragten Müttern 117 bereit mitzumachen. Durch Randomisierung wurden 59 Mütter in die Studien und 58 in die Kontrollgruppe eingeteilt. In der Studiengruppe wurden die Eltern am Ende der 3. Woche aufgefordert, ihr Kind vermehrt zu tragen. Den Kindern in der Kontrollgruppe wurde ein optischer Stimulus eines Kindergesichts ins Bettchen gelegt, welcher keinen Einfluss auf den Verhaltenszustand des Kindes ausübte. Die Mütter wurden gebeten, das Verhalten der Kinder während der Lebenswoche 3, 4, 6, 7 und 12 täglich auf 24-Stunden-Protokollen zu notieren. Auf diesen Verhaltensprotokollen wurden die kindlichen Verhaltensweisen Schlaf, zufriedenes Wachverhalten, Schreien, “Fussing”, Trinken und Phasen von fehlender Beobachtung aufgetragen.

 

Ergebnisse

Das Schreiverhalten in der Kontrollgruppe entwickelte sich, wie zu erwarten war, von einer mittleren Schreidauer von 1,6 Stunden pro Tag in der Woche drei zunehmend bis auf 2,1 Stunden pro Tag in der Woche sechs und dann allmählich abnehmend bis auf 1,1 Stunden in der Woche 12. Somit wurde die von Brazeltoir beschriebene Schreikurve mit einem Gipfel im Alter von sechs Wochen reproduziert. Davon gänzlich verschieden entwickelte sich das Schreiverhalten in der Gruppe mit vermehrtem Tragen: ausgehend von 1,7 Stunden in der Woche drei reduzierte sich die tägliche Schreidauer auf 1,3 Stunden in der Woche sechs, 1,1 Stunden in der Woche acht und 1,0 Stunden in der Woche 12. Die beiden Gruppen unterschieden sich während der Woche 6, 8 und 12 signifikant. Somit konnte der Schreigipfel in der Woche sechs vollkommen vermieden werden. Das Tragverhalten unterschied sich unseren Instruktionen entsprechend, indem in der Gruppe mit vermehrtem Tragen die Kinder zwischen 4 und 4,5 Stunden und in der Kontrollgruppe zwischen 2,5 und 3 Stunden pro Tag getragen wurden. Auch bezüglich der Tagesverteilung ergaben sich zwischen den beiden Gruppen beträchtliche Unterschiede: Während in der Woche 3 eine vergleichbare Verteilung von Schreien, zufriedenem Wachverhalten, Trinkverhalten und Schlafverhalten zu vermerken war, trat in der Gruppe mit vermehrtem Tragen die Reduktion des Schreiverhaltens vor allem in der Zeit zwischen 16.00 und 24.00 Uhr ein. In dieser 8-Stunden-Periode wurde das Schreiverhalten um 40 Prozent vermindert. Gleichzeitig war in der Gruppe mit vermehrtem Tragen eine Zunahme des zufriedenen Wachverhaltens zu vermerken, die genau der Reduktion des Schreiverhaltens entsprach. Das Schlafverhalten blieb vollkommen unberührt. Ähnliche Beobachtungen konnten auch in der Woche 8 und 12 gemacht werden.

 

Verhaltensmodifikationen durch vermehrtes Tragen

Zusammenfassend zeigte unsere Studie, dass bei regelmäßig getragenen Kindern das Schreiverhalten in den ersten drei Lebensmonaten folgendermaßen modifiziert wurde:

  1. die tägliche Schreidauer wurde kürzer
  2. die Zunahme (des Schreiens red.) bis zur sechsten Lebenswoche wurde verhindert
  3. besonders das abendliche Schreien wurde günstig beeinflusst
  4. selteneres Schreien war assoziiert mit längerem zufriedenem Wachverhalten
  5. das Schlafverhalten blieb unbeeinflusst

 

Zusammenfassung

Daraus kann gefolgert werden, dass vermehrtes Tragen das normale Schreiverhalten des jungen Säuglings zu beeinflussen vermag. Ob das Tragen auch Kinder mit “Koliken” besänftigen kann, ist mit dieser Studie nicht beantwortet. Momentan sind wir dabei, eine ähnliche Studie bei Kindern mit “Koliken” durchzuführen. Insgesamt kann das vermehrte Tragen neben vielen anderen Verhaltensmaßnahmen als Interventionsmöglichkeit empfohlen werden, wie sie von Taubman (1984) beschrieben wurden. Kontingentes elterliches Verhalten, das sich auf die Bedürfnisse des Kindes einstellt, könnte heißen: das müde Kind möchte vielleicht hingelegt, das gelangweilte Kind unterhalten, das hungrige Kind ernährt und das unruhige Kind mit nicht nutritivem Saugen beruhigt werden. Alle diese Interventionen können zusammen mit vermehrtem Herumtragen dazu führen, dass sich das Kind beruhigt, die Spannung legt und die Eltern auf ihr Kind besser eingehen können.