Frühchen brauchen Nestwärme
Der Anteil an Kindern, die im Laufe ihrer Entwicklung emotionale oder intellektuelle Defizite
entwickeln ist in der Gruppe der einstmals Frühgeborenen signifikant erhöht. Als mögliche Ursache werden die speziellen Umweltbedingungen diskutiert, denen ein frühgeborenes Kind in seinen ersten Lebenstagen ausgesetzt ist.
Erkenntnisse aus der vergleichenden Verhaltensforschung, der Neuroanatomie und Neurophysiologie sowie empirische Befunde zeichnen ein kohärentes Bild: Danach wirken sich Umgebungseinflüsse unmittelbar auf das, sich entwickelnde Gehirn aus. Die Wirkung ungünstiger Entwicklungsreize, besonders von Stresserfahrungen, lassen sich bis auf die neuronale Ebene hinab nachweisen und verändern die Anatomie des Gehirns um so nachhaltiger, je früher sie erfolgen.
Stress in den ersten Lebenswochen hemmt speziell die Reifungsprozesse im limbischen System, woraus eine lebenslange Beeinträchtigung der emotionalen Steuerungsfähigkeit resultieren kann.
Einen in dieser Hinsicht sehr wirksamen und in der Praxis oft unterschätzten Stressor, stellt die Unterdrückung genetisch bedingter Verhaltensabläufe dar. Es sind aber gerade diese ersten Instinkthandlungen, deren Erfolg oder Mißerfolg unmittelbar in die "Hardware" des nativen Gehirns und damit in das emotionale Grundgerüst des Menschen eingeprägt werden, und damit den Erfolg späterer Lernvorgänge bedingen.
Der Zweck dieser Seite ist es, die Relevanz einiger Thesen und Beobachtungen hinsichtlich des Umgangs mit Neugeborenen zu diskutieren, ihre Bedeutung speziell für Frühgeborene abzuschätzen und Konsequenzen für das neonatologische Umfeld vorzuschlagen.
Um zu beurteilen, welche Bedeutung der körperliche Kontakt zu einer Bezugsperson für Neugeborene hat, gehen wir von drei Thesen aus:
Das Unterdrücken instiktiver Verhaltensprogramme erzeugt Stress (Distress).
Stress beeinträchtigt wichtige Vitalfunktionen.
Stress beeinflusst die Hirnentwicklung.
Zunächst sollen die einzelnen Thesen diskutiert werden:
Stress durch Hemmung instinktiver Programme
Die ersten Schritte, die das menschliche Verhaltensprogramm kurz nach der Geburt durchläuft unterscheiden sich kaum von denen mancher Tiere:
1. Identifikation der Bezugsperson
2. Suchen der Brust
3. Körperkontakt halten
Der erste Schritt (Filialprägung) wird von allen Tieren vollzogen, die Brutpflege betreiben, der zweite naturgemäß nur von Säugetieren und der dritte nur von solchen Säugetieren, deren Junge so unreif zur Welt kommen dass sie ohne ihre Eltern hilflos sind.
Der Zweck der ersten beiden Verhaltensweisen leuchtet unmittelbar ein. Um sich vor Augen zu führen, welche Bedeutung der letzte Punkt für einen neugeborenen Menschen hat, muss man sich nur ein in "freier Wildbahn" verlorenes Baby vorstellen: Ein durchdringender Kontaktruf ist die einzige Option seiner instinktiven Überlebensstrategie. Wenn Todesangst stressig ist, dann steht der Säugling in diesem Moment unter Stress!
Dabei ist es für das Kind unerheblich, in welcher Gestalt sich die Umwelt präsentiert. Es unterscheidet noch nicht zwischen einer lauschigen Neugeborenenstation und der gefährlichen Wildnis. Der alleinige Auslöser seines "Notfallprogramms" ist der Kontaktverlust zu seiner Bezugsperson.
Da der Säugling den Ernst der Lage nicht beurteilen kann wird das genetische Notprogramm immer dann gestartet, wenn die Sinneseindrücke nicht der Erwartung entsprechen. In diesem Sinne wirkt jede Abweichung von der genetisch programmierten Erwartung als Stressor.
Stress beeinträchtigt wichtige Vitalfunktionen
Auf die umfangreichen Veränderungen, die Stress im Hormonhaushalt und im vegetativen Nervensystem auslöst, soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Hier nur noch ein paar Bemerkungen zum zeitlichen Ablauf:
Nach anfänglicher Mobilisierung schaltet der Körper bei anhaltendem Stress herunter und beginnt "auf Sparflamme zu kochen". Wenn ein Baby nach dem Ablegen schreit um sich nach einiger Zeit von selbst zu "beruhigen", bedeutet das im Normalfall nicht, dass es sich mit der Situation arrangiert hat, sondern vielmehr, dass sein Notfallprogramm in die nächste Phase eingetreten ist: Der Eustress geht in Distress über und sämtliche Vitalfunktionen werden gedämpft.
In diesem Zustand findet kaum Fortschritt, insbesondere keine geistigen Entwicklung statt; Er dient nur dazu, die Zeit zu überbrücken, bis sich die Umweltbedingungen wieder "normalisiert" haben, das heißt, bis die Sinneseindrücke wieder ins Erwartungsmuster passen.
Stress beeinflußt die Hirnentwicklung
Es mag auf den ersten Blick überraschen, wenn behauptet wird, dass schon kurzzeitige Störungen in der frühkindlichen Entwicklung physische Spuren im Gehirn hinterlassen, die bis ins Erwachsenenalter fortwirken.
Genau diese Ansicht legen aber neuere Untersuchungen nahe. Besonders hervorzuheben sind hier die Forschungen von
Katharina Braun, die im Tiermodell umfangreiche und irreversible Veränderungen der Hirnanatomie unter Stresseinfluss nachweisen und quantifizieren konnte.
Die Jungtiere der von Frau Braun eingestzten Strauchratten (Degu) reagierten sehr sensibel auf kurzeitige Trennung von ihren Eltern. Dieser Stress hinterließ Spuren in den Gehirnen der Tieren.
Braun konnte u.A. zeigen, dass sich im Normalfall zu bestimmten Zeitpunkten das Verhältnis von Spine- zu Schaftsynapsen sprunghaft (Größenordnung 60 %) veränderte. War das Versuchstier im fraglichen Zeitraum (Tennungs-)Stress ausgesetzt, unterblieb diese Veränderung.
Die ersten Wochen der postnatalen Entwicklung sind gekennzeichnet durch umfangreiche Umbaumaßnahmen im limbischen System, in deren Verlauf ein großer Teil der neuronalen Verbindungen abgebaut werden. Beim Lernen auf neuronaler Ebene werden also nicht genutzte neuronale Verbindungen physisch gelöst und die Struktur des Nervengewebes verändert sich dauerhaft. Diese Umwälzungen finden in zeitlich eng umrissenen Phasen statt, wobei die einzelnen Phasen als Zeitfenster zu verstehen sind in denen der psychische Status unmittelbar prägend auf die Anatomie des jeweiligen Hirnareals wirkt.
Verstreicht eine solche Phase ungenutzt, weil im fraglichen Zeitfenster keine oder falsche Signale empfangen werden, bleibt die entsprechende Hirnregion unentwickelt.
Vergleichbare Zeitfenster sind in der späteren Kindheitsentwicklung im Zusammenhang mit dem Erwerb stammesgeschichtlich jüngerer Fähigkeiten, wie z.B. der Sprache, schon lange bekannt. Betrachtet man die Kindheitsentwicklung rückwärts bis zur Geburt, so öffnen sich in immer kürzeren Abständen solche Fenster, die mit immer elementareren Fähigkeiten korrespondieren. Kurz nach der Geburt liegt der Schwerpunkt dieser cerebralen Reifungsprozesse schließlich im limbischen System, dem stammesgeschichtlich ältesten Großhirnareal, das für die emotionale Steuerung verantwortlich zeichnet. Die Qualität der zu diesem Zeitpunkt gebildeten emotionalen Grundausstattung entscheidet mit darüber, ob das Kind in späteren Lernphasen sein ererbtes Potential ausschöpfen kann.
Über die genauen Zeitpunkte und die Dauer der einzelnen cerebralen Aktivitätsmaxima ist beim Menschen, aus naheliegenden Gründen, wenig bekannt. Tierexperimentelle Befunde deuten aber darauf hin, dass die frühesten Prägungsphasen bereits nach Stunden oder Tagen abgeschlossen sind.
Im Bezug auf Frühgeborene erheben sich zusätzliche Fragen:
Läuft das pränatale Verhaltensprogramm noch eine Weile weiter oder schaltet der Säugling mit der (Früh-)Geburt sofort auf das postnatale um? Woraus sich wiederum die Frage ableitet, welche Umgebungsbedingungen zu schaffen wären um im Zweifel beiden Programmen einen störungsfreien Ablauf zu gewährleisten.
Und wenn denn das postnatale Programm zum Tragen käme:
Wie verkraftet das noch unreife Hirngewebe die mit diesem Programm einhergehenden Modifikationen? Reagiert es vielleicht noch empfindlicher auf Störungen als das Hirn normal geborener Kinder?
Zum Glück sind die Erwartungen, die das Neugeborene an seine Umwelt hat, überschaubar. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf Stillen und den regelmäßigen, besser ständigen, Hautkontakt mit seiner Bezugsperson. Ersatzweise werden auch andere Personen akzeptiert. Eventuell genügt zeitweise auch eine akustische Anwesenheitsbestätigung. Im Tierversuch (Degu) beruhigen die
Stimmfühlungslaute der Mutter übrigens nur deren Töchter. Die Söhne lassen sich ausschließlich durch Köperkontakt trösten. Aber das nur am Rande, um zu zeigen dass man auf diesem unsicheren Terrain auf jede Überraschung gefasst sein muss.
Es ist nicht zu erwarten, dass sich an der unsicheren Erkenntnislage in absehbarer Zeit viel ändert. Zumindest nicht in Bezug auf den Menschen.
Störungen in der frühkindlichen Entwicklung wirken sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten aus, wenn es kaum mehr möglich ist, einen Kausalzusammenhang herzustellen.
Die Forschung beim Menschen zitiert manchmal historische "Experimente", wie die Suche nach der "Ursprache" durch Friedrich II im 13. Jahrhundert oder andere Extremfälle, wie die Kinder aus rumänischen Waisenhäusern, und tatsächlich deuten auch schon die Ergebnisse dieser "Holzhammerexperimente" in die beschriebene Richtung.
Allerdings ist es ungleich schwerer zu bestimmen, wie sich die vergleichsweise harmlosen Störungen auswirken, denen das Neugeborene im normalen Klinikbetrieb ausgesetzt ist. Hinweise können hier höchstens statistische Befunde geben.
Zum Beispiel belegen zahlreiche Statistiken, dass ehemalige Frühchen im Schulalter signifikant häufiger Verhaltensauffälligkeiten entwickeln als normal geborene Kinder. Diese Auffälligkeiten betreffen besonders den Komplex der emotionalen Steuerung und das sollte uns, nach dem zuvor Beschriebenen zu denken geben. Sind es im Tierexperiment doch gerade die, für die emotionale Steuerung verantwortlichen Hirnareale, welche auf frühe Störungen besonders sensibel reagieren.
Den Gedanken könnte man sogar noch weiter spinnen:
Lässt sich ein Zusammenhang konstruieren, zwischen den Verhältnissen auf den Säuglingsstationen der 60er-Jahre und der aktuellen Scheidungsrate? Und wäre ein solcher Zusammenhang als Beleg dafür zu werten, dass die damals übliche Isolation der Neugeborenen die aktuelle Generation beziehungsunfähig gemacht hat? Haben die Zunahmen von Singlehaushalten, der Rückgang der Geburtenrate und die Erosion gesellschaftlicher Umgangsformen ihre Ursache in den Säuglingszimmern der Wirtschaftswunderjahre, als alles modern, kühl und aseptisch sein musste?
Das führt sicher zu weit, allerdings sollten wir uns vor Augen führen, dass es zumindest
denkbar ist, dass die Umgebungsbedingungen, denen ein Mensch in den seinen ersten Lebenswochen ausgesetzt ist, die Weichen für sein ganzes Leben stellen. Entsprechend sorgfältig sollten diese Bedingungen gestaltet werden.
Links zum Thema (in Bearbeitung)
Wie Gehirne laufen lernen von Prof. Anna Katharina Braun
Hirnentwicklung - Besonderheiten bei Frühgeborenen
Spätfolgen von Frühgeburten
Early Experience Alters Brain Function and Structure
Motorische Aktivität und Entwicklung im Alter von 20 Monaten bei Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g im Vergleich zu Reifgeborenen