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Im Juni 2005 trat die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom mit einer Frage an uns heran: Sie habe gehört, dass es für Kinder mit Down-Syndrom ungünstig sei, im Tragetuch getragen werden. Zum einen spräche der oft geringe Haltetonus dieser Kinder gegen das Getragenwerden, zum anderen sei die Spreiz-Anhock-Haltung in diesem Fall unerwünscht, da Down-Syndrom-Kinder ohnehin zu einer verstärkten Abspreizung der Beine neigten. Da ihr Kind es andererseits genoss im Tuch getragen zu werden, bat uns die Dame um eine Stellungnahme. Eine komplexe Frage, zu deren Beantwortung wir fachlichen Rat einholen mussten. Wir leiteten die Frage an die Physiotherapeutin Hilke Engel-Majer weiter, die uns schon in anderen Fällen wertvollen Rat gegeben hatte. Im Folgenden lesen Sie ihre Antwort: |
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Liebe Frau Br., Liebe Frau Hoffmann,
Als Physiotherapeutin mit abgeschlossenen Ausbildungen in der Bobath-, Vojta- und Manueller Therapie, interessieren mich die Zusammenhänge in der Kinderneurologie und –orthopädie ganz besonders. Das Argument man sollte Kinder mit Down-Syndrom wegen der starken Abspreizung nicht im Tragetuch tragen, ist mir wohlbekannt- und es empört mich immer wieder aufs Neue. Ich will Ihnen erklären wie diese falsche Argumentationskette zustande kommt: Kinder mit Down-Syndrom haben in der Regel einen niedrigen Muskeltonus (Spannung). Dadurch fallen die Beinchen in Rückenlage häufig in die "Froschhaltung". Auch beim Krabbeln lernen dauert es eine ganze Weile bis diese Kinder die Knie etwas weiter zusammen bringen können. Die Schwierigkeit die Beinchen zusammen zu bringen ist hier also ein Problem. Daraus wird fälschlicherweise gefolgert die Abspreizung sei für diese Kinder immer schlecht. – Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass wir in der Kindertherapie häufig mit spastischen Behinderungen zu tun haben. Spastik ist eine pathologische Tonuserhöhung, die meist mit einer steifen Streckung und einem Zusammenhalten der Beinchen einhergeht; wir nennen das ein Streckmuster. In der Therapie können wir dieses steife Streckmuster mit langsamer Abspreizung lösen bzw. lockern. So wie man eine Subtraktionsaufgabe nicht einfach umdrehen kann, so ist der Umkehrschluss bei einem "schlappen" Kind den Tonus durch Streckung und Zusammennehmen der Beine zu erhöhen ein Denkfehler der jeglicher Erfahrung widerspricht. Das funktioniert definitiv nicht und wird auch in der Therapie nicht angewandt. – Im Gegenteil. Im Tragetuch sind die Beinchen in einer gewissen Abspreizung und Beugung fixiert. Die Freiburger Humanethologin Evelin Kirkilionis hat eindeutig beschrieben wie günstig diese Position für die Entwicklung der kindlichen Hüfte ist. Eine zu weite Abspreizung, wie sie bei extrem schlappen Kindern in Rückenlage geschieht, ist im Tragetuch überhaupt nicht möglich. Durch das Tragen und Bewegt werden reagiert das Kind mit der gesamten Körpermuskulatur, d. h. sie fördern eher die Stabilität des Rumpfes und damit auch der Becken- und Hüfteinstellung und stärken die Muskulatur. Abgesehen davon sind die sensorischen Reize, die ein getragenes Kind in der sicheren Umgebung am Körper der Mutter genießt, insbesondere für Kinder mit verzögerter Entwicklung wichtig. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass besonders bei Kindern mit geringem Muskeltonus die korrekte Bindetechnik wichtig ist, insbesondere da die Kinder im Tuch auch gerne schlafen. Die Wickelkreuztrage bietet da sicher die optimale Stabilität, aber auch die einfache Kreuztrage ist der Känguruhtrage vorzuziehen. Das 18 Monate alte Kind kann aber sicher auch schon in den Hüftsitz. Abschließend sei noch einmal gesagt dass es meines Wissens nach noch keine Studie gibt, die Gegenteiliges belegt. (Ich lasse mich gerne belehren). Bei weiteren Rückfragen können sie mich gerne kontaktieren. In der Hoffnung dass die Mutter ihr Kind weiter trägt grüße ich sie herzlich. Hilke Engel-Majer Praxis für Krankengymnastik und Manuelle Therapie Hilke Engel Majer / Markus Majer Ravensberger Str. 45 33824 Werther |
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mit freundlicher Genehmigung der Autorin © 2005 Didymos GmbH |
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