eine Meinung wird zur Nachricht
Der Begriff (Zeitungs)-
Ente leitet sich von dem Kürzel "nt" (non testatum) ab, mit dem Journalisten Artikel unterschreiben, deren Wahrheitsgehalt von niemand geprüft wurde.
Kürzlich ist eine ältere Ente wieder zum Leben erwacht:
Unter der Überschrift "Bandscheibenschäden bei Babys durch Tragetücher" geistert zur Zeit mal wieder eine Meldung durch die Medien, die wir eigentlich schon für tot gehalten hatten. Ihr Aufleben ist umso erstaunlicher, als namhafte Orthopäden und Kinderärzte in der Zwischenzeit die gegenteilige Meinung geäußert haben.
So bemerkt Dr. med. E. Fettweis, Facharzt f. Orthopädie:
"Der Rücken leidet nicht durch das Tragen, eher tut dies der Entwicklung der Wirbelsäule gut." Eine Stellungnahme finden Sie hier.
Die Meldung geht zurück auf einen Vortrag den ein Herr Dr. Göring, Kinderarzt zu Pegnitz, im Jahr 1998 auf einer Messe in Leipzig gehalten hat. Der ursprünglichen Wortlaut schien wohl nicht zur Veröffentlichung geeignet, und so wurde er zur "Nachricht" umgearbeitet. Wir zeigen ihnen beide Fassungen:
hier die Orginalfassung
wörtlich zitiert aus dem Vortrag von Dr. Uwe Göring auf der practica '98
Tragetücher haben ihre Berechtigung in Südamerika oder Afrika, wo die Frau auf dem Feld beide Hände zur Arbeit braucht und das Kind nicht hinlegen kann, weil es sonst die Termiten fressen oder ein Löwe es verschleppt. Oder sie muß ihr Kind über weite Entfernungen mitnehmen und dabei noch andere Dinge tragen. Hierbei muß man bedenken, dass diese Frauen einen schreitenden Gang haben und sich barfuß auf der Erde bewegen. Hierzuland staksen die jungen Mütter - am Ende noch auf Plateauschuhen - auf dem Asphalt herum. Das Kind knallt bei jedem Schritt auf die Wirbelsäule und erleidet Mikrotraumen an den Bandscheiben.
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hier die stilistisch überarbeitete Fassung wie sie 1999 auf der Web-Site des DGK veröffentlicht wurde und jetzt - im Jahr 2006 - erneut verbreitet wird:
Entstanden ist die Idee der Tragetücher in Afrika und Südamerika. In Ländern, in denen Frauen beispielsweise bei der Arbeit auf dem Feld beide Hände zum Arbeiten benötigen, haben solche Tragevorrichtungen einen Sinn. Oft müssten die Kinder dort auch über weite Entfernungen transportiert werden. Zum Unterschied zu den Müttern in unseren Breiten bewegen sich die Frauen dort allerdings oft barfuß auf der Erde. Durch den federnden Gang wird das Kind sanft geschaukelt.
Bei uns dagegen staucht das Kind - bedingt durch das feste Schuhwerk der Mutter und den unnachgiebigen Asphalt bei jedem Schritt seine Wirbelsäule. So können minimale Verletzungen an den Bandscheiben entstehen.
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Es wird wohl für immer im Dunkeln bleiben, was Herrn Dr. Göring damals zu dieser Meinungsäußerung bewogen hat. Er war nie zu einem Gespräch bereit, geschweige denn, daß er irgendeinen Beleg für seine These erbracht hätte.
Belege scheinen auch nicht nötig zu sein: Sobald eine Meinung im Internet veröffentlicht ist, mutiert sie auf geheimnisvolle Weise zur Nachricht.
Journalisten gewinnen ihr Material gern im Internet. Am schnellsten war 1999 die Sächsischen Zeitung, die als erste einen entsprechenden Artikel druckte. Der löste einige Reaktionen bei der Fachwelt aus, deren Stimmung wir mit den folgenden zwei Zitaten aus Leserbriefen wiedergeben möchten:
"Dieser Bericht des DGK ist so haarsträubend falsch, dass ein alter, erfahrener Kinderarzt zur Feder greifen muß..."
oder
"Die Warnung des DGK muß von einem Menschen stammen - wahrscheinlich einem Mann -, der die Kinder möglichst im Griff oder auf Distanz haben will und nichts über naturgemäßes Tragen weiß."
Trotzdem trat die Meldung ihren Weg durch die Redaktionen an und tauchte in den folgenden Monaten in den unterschiedlichsten Medien auf. Dass dieselbe Meldung 6 Jahre später abermals als Neuigkeit verkauft wird, wirft allerdings ein trübes Licht auf die Pressevertreter.
Angesichts der Vielzahl von Nachrichten, die ein Journalist täglich zu liefern hat, ist es nicht weiter erstaunlich, dass vieles ungeprüft den Weg in die Medien findet.
Einige Experten fühlten sich zwar zu einer sachlichen Richtigstellung berufen aber ihre Stellungnahmen fanden in den Redaktionen kaum Gehör. Warnungen verkaufen sich eben besser als Entwarnungen, und wissenschaftliche Details mochte kaum eine Zeitung ihren Lesern zumuten.
Uns ist nur ein einziger Fall bekannt, in dem ein Journalist eigene Nachforschungen anstellte.
(Kasten rechts, zur Vergrößerung bitte anklicken)
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Es ist eher unüblich, dass Mediziner öffentlich gegen einen Kollegen Stellung beziehen. In diesem Fall ist es doch einige Male geschehen, wohingegen sich unseres Wissens kein Mediziner oder Forscher der Meinung des Herrn Dr. Göring angeschlossen hat.
Wir sind gespannt, ob dieser "alte Hut" heute wieder so viel Staub aufwirbeln wird wie 1999.
Aktuell finden Sie die etwas angegraute Neuigkeit zum Beispiel hier.
Abschließend noch ein Zitat, das den Tenor der damaligen Stellungnahmen wiedergibt. Zitiert wird aus einem Brief mit dem sich Dr. med. Eckhard Bonnet im Juni 1999 an die Sächsische Zeitung sowie an dpa gewandt hat.
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Als Kinderarzt und Sportmediziner mit 34-jähriger Berufserfahrung und als Mitglied des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren schreibe ich Ihnen um eine Korrektur zu erreichen zu Ihrer Meldung über die Auswirkungen von Tragehilfen. [...]
Das Transportieren in einer Tragehilfe ist die einzige naturgemäße und babygerechte Art des Transportierens.
Alle Bedürfnisse des Kindes (Nähe zu Mutter oder Vater, Körperwärme, Geruch, Anblick, rhythmische Bewegung, "Hautmassage", Geborgenheit, Gehaltenwerden) werden befriedigt.
Die rhythmische Be- und Entlastung der Hüft- und Wirbelgelenke ist der optimale Wachstumsreiz und verhindert frühzeitig die Entwicklung einer Hüftfehlbildung oder einer Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung). Bei Hyftdysplasie ist das Tragen im Tragetuch die beste Therapie, die wir kennen. [...]
Dr. Bonnet ist Autor des Buchs "Sprechstunde Kinderkrankheiten"